07Privatsphäre

Wir sollten unsere Privatsphäre schützen und Rufschädigungen entgegentreten können. Jedoch sollten wir auch Einschränkungen der Privatsphäre akzeptieren, sofern dies im öffentlichen Interesse ist.

Was ist Privatleben? Was ist öffentliches Interesse?

Dieser Entwurf unseres achten Prinzips enthält den wichtigsten Grund, Dinge aus unserem Privatleben offen zu legen, die sonst eigentlich niemanden etwas angehen: das öffentliche Interesse. Entsprechend stellt sich die Frage was genau mit Privatleben und öffentlichem Interesse gemeint ist. Die Antworten sind nicht einfach.

Alle menschlichen Kulturen kennen das Konzept einer Privatsphäre. Was allerdings als privat angesehen wird, hängt stark von Ort und Zeit ab. Angesehene Bürger der antiken römischen Stadt Ephesus verrichteten ihre Notdurft bekanntlich gemeinsam. Anders als in den meisten Ländern, wird heute in Deutschland Nacktheit in öffentlichen Parks akzeptiert.

Im Großen und Ganzen ist die Privatsphäre in den meisten europäischen Ländern großzügiger definiert und wird stärker auf Kosten der freien Meinungsäußerung verteidigt, als dies in den USA der Fall ist. Ein Urteil eines französischen Gerichts aus dem Jahre 1970 legt ausführlich dar, dass das Bürgerliche Gesetzbuch mit dem Privatleben „den eigenen Namen, das eigene Bild, die eigene Intimsphäre, die eigene Ehre und den eigenen Ruf, den eigenen Lebenslauf und das Recht darauf, dass vergangene Verstöße vergessen werden“ schützt. Dominique Strauss-Kahn mag damit zufrieden sein. Aber war es hier nicht doch im öffentlichen Interesse, dass die französischen Wähler davon erfuhren, auf welch inakzeptable Art und Weise ein voraussichtlicher Präsidentschaftskandidat Frauen zu behandeln pflegte?

Das öffentliche Interesse ist jedoch nicht eindeutig definiert. Redakteure von Boulevardzeitung und verschiedenen Klatschseiten im Internet berufen sich darauf, um die neusten Enthüllungen aus dem Privatleben von Fußballern und Pop-Stars zu rechtfertigen. Aber öffentliches Interesse ist nicht gleichbedeutend mit „allem was die Öffentlichkeit interessiert,“ und was Zeitungsauflagen und Website-Besuche antreibt. Wenn dem so waere, dann hätten Prominente überhaupt kein Privatleben, da Teile der Öffentlichkeit an jedem Aspekt ihres Lebens interessiert sind. Hier könnt Ihr eine nützliche Debatte über die Definition von öffentlichem Interesse verfolgen. Personen des öffentlichen Lebens müssen selbstverständlich mit einer schwerwiegenderen Einschränkungen ihrer Privatsphäre rechnen als Privatpersonen. Übrig bleibt zu entscheiden, wer eine Person des öffentlichen Lebens ist.

Wie so oft wenn es um Meinungsfreiheit geht, hängt alles vom Zusammenhang ab. Hat jemand etwa Sex mit einer erwachsenen Person, die nicht sein allgemein bekannter Lebenspartner ist, so ist das Privatsache. Ist diese Person allerdings ein einflussreicher und für sein Lob der Heiligkeit der Ehe bekannter Prediger, so wird es ein Fall des öffentlichen Interesses. Wenn ein Verteidigungsminister einen Liebhaber hat, ist dies grundsätzlich seine Sache. Wenn dieser Liebhaber aber ein Agent eines feindlichen Staates ist, betrifft die Affäre das öffentliche Interesse. Angenommen jemand hat Anteile an einem Ölkonzern, dann gilt zunächst wieder, dass dies niemanden etwas angeht. Ist dieser jemand allerdings eine Regierungsbeamtin, verantwortlich für die Vergabe lukrativer Verträge an Mineralölkonzerne, so ist das öffentliche Interesse betroffen – wobei dies nicht unbedingt für den Rest des Portfolios der Regierungsbeamtin gelten muss. Leidet jemand an einem Beschwerden, wegen welchem er Probleme mit einfachen Rechnungen hat, so ist dies in erster Linie sein Problem. Soll diese Person allerdings zum Stadtkämmerer gewählt werden, besteht öffentliches Interesse (auch wenn dies nur für die betroffene Stadt, nicht zwangsläufig für die ganze Welt gelten mag). Hatte jemand schlechte Noten in der Schule oder Universität, so ist das Privatsache. Sobald sich diese Person am Wahlkampf um das Amt des US-Präsidenten beteiligt, ändert sich dies jedoch.

Die Entscheidung hängt von tausenden Einzelurteilen ab – nicht nur von Richtern, sondern von Redakteuren, Lehrern, Arbeitgebern, Ärzten und von jedem von uns. Das grundsätzliche Prinzip ist aber relativ einfach: wir wiegen von Fall zu Fall das öffentliche Interesse mit dem Schutz der Privatsphäre ab.

„Die Privatsphäre ist tot. Gewöhnt Euch dran!”

Das Internetzeitalter hat die Art und Weise wie wir dies ausbalancieren jedoch stark verändert. Information über unser Privatleben, die wir vor vierzig Jahren in irgendeiner staubigen Schublade aufbewahrt worden wäre, wird nun elektronisch gespeichert – von wo sie (es sei denn wir sind sehr vorsichtig und technisch versiert) vielen anderen zugänglich ist. Darüber hinaus existieren heute Daten, an die vor vierzig Jahren noch niemand dachte: individuelle Suchmaschinenchroniken, Ortungsdienste von Handys, Emails, vergangene Onlineeinkäufe. Ein wenig bekanntes amerikanisches Unternehmen zur Datensammlung namens Acxiom hortet auf seinen gigantischen Servern in Conway, Arkansas, bis zu 1500 Einträge persönlicher Informationen aus 96% aller amerikanischen Haushalte und von etwa einer halben Milliarde Menschen weltweit.

Die schiere Menge an persönlichen Informationen über jeden gewöhnlichen Bürger, die auf Computern gespeichert ist, übersteigt die wildesten Träume von George Orwells Big Brother. Diese (manchmal teilweise anonymisierten) Daten werden regelmäßig von Firmen durchgekämmt, um persönliche und individuell zugeschnittene Werbung und Dienstleistungen zu basteln – aber auch um Euch, als kommerzielles Objekt, an Werber und Dienstleister zu verkaufen. Ihr seid sowohl Nutzer als auch Benutzte. “Wann immer Ihr für etwas nicht bezahlt,“ schreibt Andrew Lewis (unter dem Alias Blue Beetle) auf der Internetseite MetaFilter, “seid Ihr nicht der Kunde, sondern das Produkt, welches verkauft wird.“

Der sich beschleunigende technologische Fortschritt bietet immer neue Orwell’sche Möglichkeiten. Google Street View fotografierte Frauen, die sich alleine wähnten und sich auf ihren Dächern sonnten. Google und Facebook haben Gesichtserkennungs-Systeme entwickelt, welche es ihnen erlauben würde, jegliches Auftauchen einer bestimmten Person online zusammenzuführen. GPS-Ortungssysteme in Handys und RFID-Chips (zur Identifizierung mit Hilfe elektromagnetischer Wellen), die an Gegenständen wie der Londoner Oyster U-Bahn Karte angebracht sind, bedeuten, dass unsere Bewegungen in der physischen Welt potentiell zusammen mit unserer Aktivität im Internet verfolgt werden.

Selbst in den freisten Ländern der Welt werden einige oder alle dieser Daten – im Namen des Kampfes gegen Terroristen, Kriminelle und Pädophile – von Regierungsbehörden durchleuchtet und geteilt, welche sich außergewöhnliche Vollmächte für verdeckten Zugriff angeeignet haben. Ein offizieller Bericht des Beauftragten für Kommunikations-Überwachung der Britischen Regierung legt offen, dass 2010 von Seiten der Polizei, von den Geheim- und Sicherheitsdiensten, und von Kommunen 552.550 Anfragen auf Kommunikationsdaten beantragt wurden. Der Experte für Internetsicherheit der Universität Oxford Ian Brown kommentiert dies hier. .

Google hat versucht, etwas über die Größenordnung solcher Anfragen von Regierungen weltweit in seinem Transparency Report zu veröffentlichen. In den USA jedoch gibt es bestimmte Arten sogenannter Nationaler Sicherheitsanweisungen (national security orders), die Dienstleistern im Internet vorschreibt, bestimmte Details über individuelle Internetnutzer weiterzuleiten und es ihnen gleichzeitig verbietet, die Existenz dieses Befehls offenzulegen. „Können Sie mir wenigstens ungefähr sagen, wie viele dieser Anfragen Sie erhalten?“ fragte ich hochrangige Rechtsexperten von Facebook und Twitter im Sommer 2011. Nein, war deren Antwort – mit einer Mischung aus Verlegenheit und Frustration – nicht einmal dies könnten sie mir sagen.

In einer gewissen und wichtigen Hinsicht können diese öffentlichen und privaten Mächte mehr über Euch erfahren als Ihr selber. Denn unser Gedächtnis funktioniert so, dass die meisten Menschen sich nur selektiv an ihre Vergangenheit erinnern, wobei vieles – besonders die peinlicheren Episoden – schlichtweg vergessen wird. Der Computer ist da anders – er speichert ganz einfach alles. Festgehalten sind selbst die virtuellen Spuren, die wir hinterlassen haben, bevor wir begannen unsere Fotos und Bekenntnisse auf Facebook, Renren, Vkontakte oder auf anderen sozialen Netzwerken hochzuladen.

„Die Privatsphäre ist tot. Gewöhnt Euch dran!” So lautet das drastische Fazit Scott McNealys, des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Sun Microsystems im Silicon Valley. Wie mit so vielen berühmten Zitaten, mögen dies nicht die genauen Worte McNealys gewesen sein,  den Kern seiner Aussage scheinen sie aber zu treffen.

Hier ein paar Beispiele dafür, was dies bedeuten kann: In den Vereinigten Staaten wurde Tyler Clementi, ein 18-jähriger Student der Rutgers Universität heimlich von seinem Mitbewohner dabei gefilmt, wie er und ein anderer Mann sich in seinem Raum näherkamen. Clementis Mitbewohner stellte das Video gleichzeitig von seiner Webcam aus online, wo es öffentlich zugänglich war. In seiner Verzweiflung entschloss ich Tyler zum Selbstmord und sprang von der George-Washington-Bridge in den Hudson River. (Seine Abschiedsnachricht auf Facebook lautete: “Jumping off the gw bridge, sorry.” – “Springe von der GW-Brücke, Entschuldigt.”) In China identifizierten und hetzten sogenannte “Menschenfleisch-Suchmaschinen” eine Frau namens Wang Yu, die im Privaten von einem Freund dabei gefilmt wurde wie sie ein Kätzchen mit ihren Absätzen zertrampelt. Als Google sein soziales Network Buzz startete, musste eine Frau, die unter dem Alias „Harriet Jacobs“ bekannt war, und welche sich vor ihrem gewalttätigen Ehemann und vor ihren Eltern versteckte, mit Erschrecken feststellen, dass ihre gesamten persönlichen Angaben aus ihrem Googlemail-Account mit Dritten geteilt wurden. In ihrem Pseudonym-Blog schrieb sie: „Meine Sorge um meine Anonymität ist nicht trivial. Es geht tatsächlich um meine physische Sicherheit.“

Was können wir dagegen tun?

Sollen wir uns damit abfinden? Wenn nicht – Was können wir dagegen tun? Wer sich online oder übers Handy bei irgendwelchen Diensten anmeldet und „Ich akzeptiere“ anklickt, liest doch nicht wirklich das Kleingedruckte in den Geschäftsbedingungen, oder? Ich tue dies jedenfalls nicht. Und selbst wenn wir sie läsen, würden wir uns mit einem Haufen allgemeiner juristischer Auffangklauseln abfinden müssen. (Dies gilt leider auch für diese Internetseite, auch wenn wir unsere Datenschutzrichtlinien hier so klar wir möglich dargelegt haben.)

Wer der Meinung ist, dass die Meinungsfreiheit (und eine gute Gesellschaft insgesamt) den Schutz des Privatlebens benötigt, muss sich darüber klar werden wie viel unseres Privatlebens wir aufgeben. Und wer glaubt, dass wir zu viel aufgeben, muss deutlich darüber beschweren. Selbst wenn Internetdienstleister in einem Land Marktführer sind, so sind sie dennoch von Euch als Kundschaft abhängig. Und manche dieser Firmen reagieren auch manchmal auf öffentlichen Druck reagieren. Öffentliche Empörung zwang Google dazu, Buzz vorläufig aus dem Verkehr zu ziehen, erhebliche Änderungen daran vorzunehmen und es schließlich in Google+ aufgehen zu lassen. Öffentlicher Widerstand gegen personalisierte Werbung auf Facebook setzte der Beacon-Anwendung ein Ende.

Mit einigen relativ einfachen technischen Tricks kann man die Menge an persönlichen Daten erheblich reduzieren, die von Staaten und Unternehmen wie Google und Facebook (die der Cyberheretiker Jaron Lanier provokativ „Spionage/Werbe-Imperien“ nannte) gesammelt wird. Google und andere Suchmaschinen haben teilweise auf solche Kritik reagiert, indem sie es für Nutzer einfach gemacht haben anonymer zu suchen. Die Electronic Frontier Foundation, welche in diesem Bereich Pionierarbeit leistet, hat eine Firefox-Erweiterung namens HTTPS everywhere entwickelt, die Kommunikation mit verschiedenen größeren Webseiten verschlüsselt. Ihr könnt auch die Gratissoftware Tor benutzen, um Eure Privatsphaere online besser zu schützen.

Facebook und das “Recht darauf, vergessen zu werden” 

Stellt Euch vor Ihr habt in Vergangenheit offen Teile Eures Privatlebens mit anderen geteilt, und inzwischen bereut Ihr dies. Ein Beispiel wären private Photos auf Facebook. (Facebook verfügt heutzutage über die weltweit größte Fotosammlung.) Angenommen Euch sind inzwischen vergangene Teenie-Eskapaden peinlich. Angenommen Ihr fürchtet, dass man Euch einen Platz an der Uni oder einen Job wegen dem, was noch online ist, verweigern wird. Es ist schließlich bekannt, dass Arbeitgeber und Universitäten online nach Informationen über Bewerber suchen. Was kann man dann tun?

Facebooks aktuelle Erklärung der Rechte und Pflichten besagt, dass Eure Fotos Euer geistiges Eigentum („IP-Inhalte“) sind, allerdings „erteilst du uns durch deine Privatsphäre- und Anwendungseinstellungen die folgende Erlaubnis: Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest („IP-Lizenz“). Diese IP-Lizenz endet, wenn du deine IP-Inhalte oder dein Konto löschst, außer deine Inhalte wurden mit anderen Nutzern geteilt und diese haben die Inhalte nicht gelöscht.“ (Mein Kursiv.) Man kann also seine Vergangenheit löschen. Wenn man peinliche Fotos allerdings mit Freunden (im weiteren Facebook-Sinne dieses Wortes) geteilt hat, welche sie wiederum mit ihren Freunden geteilten haben, dann bleiben sie solange online, bis man alle seine Kontakte dazu gebracht hat, sie zu löschen. Leichter wäre es, die Büchse der Pandora wieder zu schließen.

Sollte dies leichter gemacht werden? Käme uns ein weitgehenderes „Recht darauf, vergessen zu werden“ nicht gelegen? Wenn ja, was sollte diese miteinbeziehen? Und wer könnte es durchsetzen? Und mit welchen Mitteln? In Deutschland, beispielsweise, existiert ein Gesetz, welches vorschreibt, dass vergangene Verbrechen, für die eine Person verurteilt worden war, nach einem gewissen Zeitraum nicht mehr erwähnt werden dürfen. So wie Deutschland selber nach 1945, so soll es auch diesen Menschen erlaubt sein, von vorne anzufangen. Anwälte deutscher Staatsangehöriger haben versucht, Google dazu zu zwingen, Berichte über vergangene Verurteilungen ihrer Mandanten auch auf der weltweiten Google.com Suchmaschine zu löschen. Google gab nicht nach.

Die EU setzt weltweit Maßstäbe wenn es um Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre geht. Ihre Data Protection Directive wurde als beispielhaft für den Datenschutz beschrieben. Im Jahre 2012 steht eine überarbeitete Version dieser Direktive an, welche viele der technologischen Herausforderungen, von denen hier die Rede war, berücksichtigt – vielleicht wird auch das „Recht darauf, vergessen zu werden“ darunter sein. Wir werden darüber reden wenn es veröffentlicht wird.

“Wir ruinieren eben anderen Menschen das Leben”

Verletzungen der Privatsphäre sind dann am schädlichsten, wenn durch sie Millionen Menschen über die Massenmedien Einblicke in das Leben anderer gewinnen. Großbritannien wurde im Sommer 2011 von der Enthüllung erschüttert, dass Zeitungen im Besitz von Rupert Murdoch sich illegalen Zugang zu den Handys vieler Prominenter, von Angehörigen des Königshauses und sogar von Opfern von Verbrechen verschafft hatte, und die so erworbene Informationen veröffentlicht hatten. Doch auch wo auf kriminelle Methoden verzichtet wird, sind die täglichen Eingriffe in das Privatleben von Filmstars, Fußballern und anderen Prominenten nicht mit dem öffentlichen Interesse begründbar – und Eingriffe in die Privatsphäre normaler Menschen, die nur zufällig ins Rampenlicht geraten sind, schon gleich gar nicht. Als Folge der Enthüllungen zum Murdoch’schen Abhörskandal meldeten sich Prominente, von der Autorin J. K. Rowling bis zum Filmstar Hugh Grant, aber auch die Eltern ermordeter oder vermisster Kinder, um der Untersuchungskommission davon zu berichten wie ihr Privatleben aufs brutalste von maßlosen Medienunternehmen zur Schau gestellt wurde. Und von Greg Miskiw, einst Herausgeber des von Murdoch kontrollierten Boulevardblatts “News of the World”, wird berichtet, er habe einmal zu seinen Reportern gesagt: “Wir ruinieren eben anderen Menschen das Leben.” [link to John Lloyd Challenge publication on Reuters Institute website] Wir haben dazu noch mehr zu sagen, wenn wir zum nächsten Prinzip, dem zur Verteidigung unseres Rufs, kommen.

Wenn die Opfer solchen Handelns sich dann an einen Anwalt wenden, um die Veröffentlichung der Informationen, und somit die Verletzung ihrer Privatsphäre, zu verhindern, dann beschweren sich die Herausgeber der Boulevardzeitungen, dass dies eine Einschränkung der Meinungsfreiheit darstellt. Manchmal haben sie damit recht: reiche und mächtige Persönlichkeiten (und Unternehmen) bevorzugen es, wenn bestimmte Fakten vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Oft ist dieser Einwand der Herausgeber jedoch Humbug: wenn sie „öffentliches Interesse“ sagen, meinen sie in Wirklichkeit „was die Öffentlichkeit interessiert“. Gerichte in Europa haben damit begonnen, individuelle Urteile zu fällen, in denen sowohl der Artikel zur Meinungsfreiheit in der Europäischen Menschenrechtkonvention, Artikel 10, als auch der Artikel zum Schutz der Privatsphäre, Artikel 8, Beachtung finden.

Doch warum müssen sich die Gerichte um dieses Problem kümmern, zumal nachdem der Schaden bereits angerichtet ist? Jeder, der solche Zeitungen kauft oder Internetseiten besucht, die Skandale in aller Öffentlichkeit ausbreiten, ermutigt damit weiteres Fehlverhalten. Wer theoretisch solche Verletzungen der Privatsphäre ablehnt, aber in der Praxis doch alles über solche Skandale mit Eifer liest, der macht sich der Doppelmoral schuldig. Und ganz ehrlich: Ist dies nicht genau das, was die meisten von uns tun? Es ist, wie es Michael Kinsley aus seiner Zeit als Herausgeber des Online-Magazins Slate einst sagte, als er Protestbriefe für die Veröffentlichung anzüglicher Details über Bill Clintons sexuelle Beziehung mit Monica Lewinsky erntete: „Ihre Emails sagen nein nein, aber ihre Mausklicks sagen ja ja.“

Deshalb gilt auch hier, was bei der Meinungsfreiheit so oft gilt: Es kommt nicht nur auf Regierungen, Gerichte und Regulierungbehörden an – sondern auch darauf, wie wir handeln. Wir können uns weigern, die Zeitungen zu kaufen, die Internetseiten aufzurufen und die sozialen Netzwerke mit privaten Inhalten zu füllen. Wir können die Einstellungen so ändern, dass unsere Privatsphäre besser geschützt wird, und wir können verlangen dass die Netzwerke uns mehr Kontrolle über unsere persönlichen Informationen geben. Selbst wenn die Welt sich verändert hat und durch neue Technologien und bessere Kommunikation transparenter geworden ist, so bildet der Schutz eines gewissen Maßes an Privatsphäre doch noch immer eine wichtige Grenze, und eine Grundvoraussetzung für echte Meinungsfreiheit.


Kommentare (17)

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  1. If religion were just a matter of recognizing a particular prophet and performing particular private rituals then this formulation would be pretty good.

    One man is a Jew and recognizes the prophet Moses. He prays to a God whom he takes to be the only God.

    A Christian is much the same except that he replaces Moses with Jesus.

    A Muslim replaces Jesus with Mahommed.

    And a Hindu recognizes thousands of Gods.

    But it’s not at all like that; it’s not at all private.

    A little while ago young Muslim men frequented the beaches in southern Sydney and approached the girls in their swimming costumes and told them they were „sluts“ and „whores.“ When the lifesavers told them to cool it they bashed the lifesavers. The lifesavers! Bashing lifesavers is more aggressive towards the society-as-a-whole than defecating on the tomb of the unknown soldier.

    And eventually there were huge battles between groups of Muslim and non-Muslim young men.

    It is not just a matter of private prayer. It is a matter of what behaviour and practices are allowed in public. It is a matter of raising money to support the ISIS in Syria and Iraq.

    It is a matter of establishing schools to segregate your kids, and in other ways brainwashing and them.

    And it is a matter of killing people who write things about your prophet that hurt your feelings. Ask the writers and film makers who can’t go to the shops without an armed guard.

    Since certain religions have embraced modernity and since others (one at least) are determinedly medieval, I don’t think that we can „rub along.“ Sooner or later the determinedly medieval lot will do enough things like flying airplanes into the World Trade Centre that a civil war will break out. There will be people like Neville Chamberlain who will pompously announce „peace in our time,“ but there can be no peace.

  2. I agree with imos. It is freedom that is at issue here, not respect. Parsing respect into two different forms, “recognition respect” and „appraisal respect“ is leads away from a full understanding what is actually at stake.

    Misplaced respect can be a very dangerous thing. As an extreme example, say I am walking down the street with a friend, and we happen upon someone being beaten. At my urging, we jump to his aid, and pull his attacker away, and restrain the attacker. Another bystander calls the police. Meanwhile, the person who was being attacked, pulls a gun from his pocket, and shoots both his attacker, and my friend, wounding the attacker, and killing my friend. He also fires a shot at me, but it misses. Then he gets up and runs away.

    Before the police arrive the „attacker“ who I no longer need to restrain, because he is wounded, says to me with a world weary sadness, that the other guy had threatened to rob him, and he was in the process of defending himself, when me and my friend showed up and intervened, on the would be robbers behalf.

    Who exactly deserves respect in this case? Me? My friend? No. Only the guy laying on the ground with the bullet in him. And who is free? Me? No, I’m going to be talking to the police for a while, and living with the guilt of my friend’s death for the rest of my life. The misunderstood „attacker“? No. He’s going to the hospital, and will be paralyzed for the rest of his days, because the bullet nicked his spinal cord. My dead friend? Nope, not really. Although some would say that death is a kind of freedom, I suppose.
    The only free person among us is the robber, who by the way is never caught for this crime. In the real world, there is no such thing as “recognition respect” In this usage of the word respect, there are two possible meanings: „Esteem for or a sense of the worth or excellence of a person“ or „deference to a right, privilege, privileged position, or someone or something considered to have certain rights or privileges“.

    With respect to „respecting the believer, but not the belief, one needs to be careful. Respect need not be granted to everyone. It must be earned. And freedom is a gift, granted to us only by our circumstances. It’s nice to think that one day the world may be a fairer, better place to live. But each of us must decide how much we are willing to do to try and make it so, and be prepared to get sand kicked in your face from time to time, because this world is not perfect, and it never will be.

    Oh, and although I have only today discovered this site, I love it and (almost) everything it stands for! Snap decision? Yes, but that is my style.

  3. No, no, no!

    It’s a fundamental part of my freedom that I shouldn’t have to respect anyone. Force me to respect anyone and you’ve taken my freedom away.

    It may be true that many of us who campaign for free speech do indeed respect many of the people whose beliefs and opinions we disagree with – but we should not be forced to do so. If free speech is to mean anything substantial, then it absolutely should allow us the right to be disrespectful towards the believer as well as towards their beliefs. There is no balancing to be done – this is a point of principle, not something to be bargained away in our quest to be allowed the right to criticise people’s beliefs.

    Tempting as it might be to appease the opponents of free speech by reassuring them that our questioning of their beliefs does not mean we are being disrespectful to them as people, we should never give ground on the principle that we should have the fundamental right to decide for ourselves who we respect and who we do not respect.

    The only way we need to respect the believer is in regard to respecting their freedoms, but that’s more about adhering to the principles of freedom rather than about respecting them as a person.

    Hopefully, most people will choose to be respectful towards the believer – but this should remain entirely an issue of individual choice. Nobody should have an automatic right to our respect – for to enforce such a right would be to take freedom away from everyone else.

    • Hi imos

      thanks for this thoughtful comment. Might your problem with the word ‚respect‘ be the definition? Because if we take ‚respect‘ at its most basic – accepting that others are different and not wish to harm them – then I cannot see how we can live in a peaceful society without respect. If we are talking about ‚respect‘ as a feeling of appraisal, then I absolutely agree with you.

      What are your thoughts on this? If we do not show respect to everyone, how can we uphold the human right that everyone’s dignity is untouchable? I look forward to reading your reply.

      • Hi JB,

        Thanks for replying to my comment!

        I think we should respect other people in the sense that we allow them to have their freedoms – but, as I say, that’s more about respecting a principle than about respecting a person. So long as you allow people their freedoms, then why shouldn’t we be able to live in a peaceful society? The minute someone uses violence, they are taking away someone else’s freedoms, but we can maintain our freedoms without any logical requirement to respect each other.

        As for people’s dignity, I don’t recognise any fundamental human right to maintain one’s dignity. People lose their dignity for all sorts of reasons – usually as a result of their own unprincipled behaviour. If you stick to decent principles, then there’s no reason why your dignity should be harmed by what anybody else does or says.

  4. I agree with the idea of this principle in the sense that every single individual has the right to believe whatever he or she feels like. But I also think that just by promoting this ideal the world is not going to change positively. I believe it is necessary to approach today’s ignorance by fighting it with education, respect, and tolerance. If these methods are used to reinforce the principle I believe attempts to impose ones beliefs or ideologies into others will be reduced, and a more harmonious lifestyle will be achieved. Moreover, I do find some discrepancies within this principle. Just like other individuals have posted and commented, what if the ideology, religion, or belief practiced by an individual or group affects or threatens others? It is stated within the explanation of the principle that we should accept this “one belief” (the principle) above others in other to coexist freely and fight for the higher good. The higher good being that “everyone should be free to choose how to live their own lives, so long as it does not prevent others doing the same.” Well, this sounds kind of comforting, but there is so much to consider. Who or which authorities will provide the guidelines and enforce them? And what type of guidelines? Since something might be insulting for Christians but maybe not for Scientologists. And is Scientology considered a religion? If it is, which ones are not, and how are people following these other religions or ideologies supposed to contribute or express themselves?

  5. This belief is very important because predominant ideas in society can change over time, and we must allow voices to be heard, even if they dissent against commonly held ideals.

  6. I believe that every single person is entitled to their own religious and spiritual belief and others should respect them as believers as well as the content on their belief – as long as it doesn’t cause any harm to those around them.

  7. respecting all religion will result to a better and more tolerant world. I strongly agree with the statement

  8. I think this concept is a nice idea however some theories are insulting and counter productive. If for example, one attempts to justify slavery, the holocaust, discrimination or something of the sort, should the believer be respected?

  9. I don’t know if it is actually possible to commit to this principle. For what do we mean by „respect“? I think the article focuses too much on religion and doesn’t assess other „taboos“ related to politics and that are part of collective memory. Is it possible to respect person that believes that Nazism is good and that it should be implemented? What do we think of those people? In many countries you can be charged for saying a statement like that; or among other consequences, people will decide not to speak to that person or to alienate him/her from society. In both cases, there are incentives for an individual not to speak his mind, because his thoughts are not against a specific belief but to other humans. Could we respect a person who thinks like this? Could we trust him or her? Could we be friends with a person that thinks that a race is better than another?
    Humanity witnessed how thoughts like these became politics in the XX century and the lessons were hard to learn. Does allowing an individual to revisit these ideologies represent a risk, that at some point that that horrendous chapter in history can happen again?

  10. Freiheit, und somit auch das Recht zur freien Rede, ist nur moeglich, wenn die Freiheit eines jeden Individuums nur so weit geht, dass sie niemals die Freiheit eines anderen Individuums einschraenkt. Somit existiert keine grenzenlose Freiheit. Fanatische Redner, die dazu aufhetzen, die Freiheit anderer einzuschraenken, sollten keine Redefreiheit geniessen. In diesem Falle respektiere ich weder ‚his content of belief‘ noch den ‚believer‘.

  11. I think most of the people don’t have the knowledge about other religions and have therefor a hard time to respect religions. Today this principle should be applied world wide as we have more knowledge about the world, its different kinds of people, and their religions. As already mentioned in other comment the past have shown it does not work this way, but let us hope the future will be different.

    • I agree with what Sara is saying. Religion is a difficult topic to discuss. However, it should be the case that when people voice their opinion others must respect it however this does not necessarily mean that they agree!

  12. In my opinion this is a principle that should by applied World wide. Everyone has opinions and everyone should be entitled to one. This does however not mean that everyone should agree but at least people will have the opportunity to express their thoughts. It is all about respecting one another. However, unfortunately as the past has proven this is not always the case and implementing this principle will be one of the most difficult due to factors such as religion.

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Das Projekt „Debatte zur Meinungsfreiheit“ ist ein Forschungsprojekt des Dahrendorf Programme for the Study of Freedom am St Antony's College an der Universität von Oxford.

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