10Zivilcourage

Weder drohen wir mit Gewalt, noch akzeptieren wir gewaltsame Einschüchterung.

Dem Historiker Thucydides zufolge sagte der griechische Orator Pericles, aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, einst: „das Geheimnis der Freude ist Freiheit und das Geheimnis der Freiheit ist Mut.“ Ob er mit seiner Annahme bezüglich der Freude richtig lag, kann man bezweifeln. Die Geschichte der freien Rede jedoch zeigt, dass ihre Verteidigung Mut bedarf. Da Worte und Bilder eine große Macht ausüben, werden sie immer umstritten sein. Selbst in relativ freien Ländern werden die Wohlhabenden und Mächtigen versuchen, sie einzuschränken oder sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Deshalb ist es immer schwierig, alleine gegen die allgemein akzeptierten Regeln der eigenen Gesellschaft Stellung zu beziehen. In autoritären und totalitären Regimen, oder angesichts dessen, was ich „das Veto des Attentäters“ genannt habe, geht es sogar um Leben und Tod.

Daraus geht hervor, dass das Bestehen der Meinungsfreiheit von den Menschen abhängt, die den Mut aufbringen, sie zu verteidigen. Die Geschichte – und diese Webseite – enthält viele Beispiele dafür. In der Einleitung zum 2. Prinzip, zur Gewalt, erwähne ich einige prominente Persönlichkeiten, die für die Verteidigung der freien Rede mit ihrem Leben zahlten. Bitte fügen Sie in der unten aufgeführten Kommentarliste Namen oder Geschichten ein, die Ihrer Meinung nach hier erwähnt sein sollten. Wir lernen von diesen Beispielen.

Die Behauptung, dass wir “unsere eigenen Entscheidungen treffen und die Konsequenzen tragen” mag eigenartig erscheinen, da unser Projekt darauf abzielt, Prinzipien zu formulieren, die in allen Ländern und Kulturen Anwendung finden. Tatsächlich ist die freie Rede ein Aspekt der individuellen Selbstbestimmung und jeder Einzelne muss im Endeffekt entscheiden, wie weit er oder sie gehen möchte. Außerdem setzt die Verteidigung guter, gemeinsamer Prinzipien der freien Rede voraus, dass Menschen sie hinterfragen, sodass sie permanent geprüft und verschärft werden. Dies gilt auch für die Regeln der freien Rede, die für bestimmte Orte und Zeiten gelten.

Obgleich Mut ein unentbehrliches Merkmal für die Verteidigung der freien Rede ist, ist es nicht das einzige. Vielmehr steht die Toleranz direkt daneben. Zwischen diesen beiden Prinzipien besteht eine bestimmte Spannung, denn Toleranz verlangt von uns, dass wir das akzeptieren, was wir nicht akzeptieren, oder anders gesagt, akzeptieren ohne zu akzeptieren. Wenn man dieses Prinzip bis zum Ende verfolgt, kommt man zur „Paradox der Toleranz“ von Karl Popper: grenzenlose Toleranz führt zum Ende der Toleranz.

In meinem Buch beschreibe ich diese beiden Prinzipien als “zwei Geister der Freiheit”, eine Anspielung auf die “zwei Konzepte der Freiheit” von Isaiah Berlin. Selten findet man in ein und derselben Person gleichmäßige Anteile an Toleranz und Mut. Isaiah Berlin, zum Beispiel, war ein Beispiel von Toleranz, aber nicht so sehr von Mut. Einer seiner schärfsten Kritiker, Christopher Hitchens, war ein Beispiel von Mut, aber nicht so sehr von Toleranz. Diesen Kontrast zwischen zwei liberalen Temperamenten verfolge ich in der Geschichte nach und weise auf einen ähnlichen Kontrast zwischen dem mutigen jedoch intoleranten Martin Luther und dem toleranten jedoch kompromittierenden Erasmus hin. Es sind aber nicht nur Gegensätze: ein bestimmtes Maß an stillem Mut ist notwendig, um die Toleranz gegen alle „Krieger der Worte“ (ein Ausdruck von Erasmus) und die Fraktionen, die sich um unseren Enthusiasmus streiten zu verteidigen. Nur selten sind beide Merkmale in einem großen Herzen vereint, zum Beispiel in jemandem wie Václav Havel oder Gandhi.

Klar ist, dass die Verteidigung der freien Rede beide Geister der Freiheit erfordert: Toleranz und Mut.


Kommentare (9)

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  1. I think that … the expression „free to challenge all limits“ can be misleading and hence any challenge may become violent or even percieved and enforced by the wrong audience. So yes, it should be possible to QUESTION the free expression under a frame of responsible and aware position.

  2. There is too much room for abuse in this from the dominant powers. ‚National security‘ can be construed to be almost anything, allowing limitations upon freedom of speech much at the whim of the government, negating the point.

  3. I think that we must be able to challenge limits to free expression as I fear too much restriction allows the powerful in society to control things unfairly.

  4. Die Prinzipien sind gut und schön, sie blenden aber reale Gefahren aus. Zum Beispiel die Gefahr, im Internet Kinderpornografie zu zeigen und zu verkaufen, Kinder oder Jugendliche sexuell zu belästigen, andere Menschen zu beleidigen, zu verletzen oder in ihren Rechten zu beeinträchtigen.

    • I do not see these actions as related to free speech at all, or at least in the terms you mentioned. They are crimes which deserve penalty. But we need to be able to talk about them, as well as discuss what kind of penalties or treatment pedophiles and child pornography merchants should be imposed.

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Das Projekt „Debatte zur Meinungsfreiheit“ ist ein Forschungsprojekt des Dahrendorf Programme for the Study of Freedom am St Antony's College an der Universität von Oxford.

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