Wie öffentlich zugängliche akademische Fachzeitschriften Entwicklungsländern von Nutzen sein können

Neue Verlagsstrategien, die akademische Fachtexte öffentlich zugänglich machen, verändern die Verbreitung von Wissen, doch ihr Effekt auf Entwicklungsländer ist noch unklar, so Jorge L Contreras.

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Preis akademischer Fachzeitschriften drastisch gestiegen. Dies hat dazu geführt, dass viele Universitätsbibliotheken, vor allem in Entwicklungsländern, den Zugriff zu einer Reihe von Zeitschriften nicht mehr anbieten können. Aufgrund dieses unter dem Begriff “Zeitschriftenkrise” (engl. serials crisis) bekannt gewordenen Phänomens, ist die Teilhabe vieler Entwicklungsländer zu Wissen und Wissenschaft eingeschränkt. Die in diesen Ländern ansässigen Forscher können nur bedingt am wissenschaftlichen Betrieb teilnehmen.

Ausgelöst von jener Zeitschriftenkrise eröffneten sich in den 90er-Jahren neue Modelle für die Veröffentlichung von Fachliteratur wie die sog. “Open Access” (öffentlich zugängliche) Fachliteratur. Eine Variante dieses Modells, bekannt als “grüner” Open Access, hält Wissenschaftler dazu an, Kopien ihrer veröffentlichten Artikel auf akademischen Internetseiten oder Selbstarchivierungsseiten zu veröffentlichen und sie damit kostenlos zugänglich zu machen. Eine Studie kam vor kurzem zu dem Ergebnis, dass 12% der im Jahr 2008 veröffentlichten wissenschaftlichen Fachliteratur auf solchen Seiten verfügbar sind.

Eine weitere Variante, das sogenannte “goldene” Modell des Open Access, strebt an, Fachzeitschriften gänzlich im Internet zur freien Verfügung zu stellen, dafür aber von den Autoren Veröffentlichungsgebühren zu verlangen. Dieser goldene Ansatz, beispielsweise praktiziert von der Public Library of Science und der BioMed Central, wird weltweit von vielen einflussreichen Wissenschaftlern und großen philanthropischen Organisationen unterstützt. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2009 fast 200.000 wissenschaftliche Artikel in 4.769 “goldenen” Zeitschriften veröffentlicht wurden. Dies entsprach circa 6-8% der gesamten wissenschaftlichen Fachliteratur in diesem Jahr. Die freie Verfügbarkeit von Fachzeitschriften hat also innerhalb nur eines Jahrzehnts erheblich zugenommen. Trotzdem erscheint die große Mehrheit aller wissenschaftlichen Fachliteratur noch immer ausschließlich in kommerziellen, zugangsbeschränkten Fachzeitschriften.

Darüber hinaus bestehen mittlerweile einige Forschungseinrichtungen und Geldgeber darauf, dass zumindest die von ihnen in Auftrag gegebenen Forschungsergebnisse für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein bekanntes Beispiel einer solchen Initiative ist das PubMed, ein Programm des US National Institutes of Health (NIH), das Forschungsgelder in Höhe von über 30 Milliarden US-Dollar pro Jahr vergibt. Wer NIH Forschungsgelder erhält, muss seine Forschungsergebnisse innerhalb eines Jahres nach Erstveröffentlichung bei PubMed frei zugänglich machen. In Großbritannien haben der Wellcome Trust und das Medical Research Council sowie viele andere Geldgeber und philanthropische Einrichtungen ähnliche Bestimmungen eingeführt.

Obwohl damit manch negative Effekte der “serials crisis” in den Industrieländern entschärft wurden, stehen Entwicklungsländer noch immer vor großen Herausforderungen. Diese sind zum Beispiel Probleme durch langsame Internetverbindungen, die den Zugang zu Online-Datenbanken drastisch einschränken. Durch die sogenannte Informations-Philanthropie jedoch beginnen sich die Möglichkeiten des Zugangs zu wissenschaftlicher Fachliteratur in den Entwicklungsländern weiter zu verändern. Die Forderung nach globalem Open Access hat dazu beigetragen, dass philanthropische Vereinigungen und Verlage mittlerweile kostenlosen oder kostengünstigen Zugang zu Fachzeitschriften in Entwicklungsländern anbieten. Obwohl solche Programme den Zugang zu Fachmagazinen erheblich vereinfachen, geben manche Kritiker zu bedenken, dass dies weder nützlich noch nachhaltig ist. Zwei grundsätzlichere Einwände sind, dass die Inhalte westlicher Fachmagazine oftmals für die in den Entwicklungsländern betriebenen Nachforschungen nicht relevant sind, und dass die freie Verfügbarkeit einer großen Menge an internationalen Inhalten den Fortschritt auf lokaler Ebene hemmt.

Aus diesen Gründen argumentieren einige Beobachter, dass “grüne” Selbstarchivierung der Schlüssel zum wissenschaftlichen Fortschritt in Entwicklungsländer ist. Klar ist, dass grüner Open Access bislang unzugängliche Materialien für die Entwicklungsländer verfügbar machen kann. Doch es ist nicht klar, wie Selbstarchivierung Wissenschaftlern in Entwicklungsländern dabei helfen kann, mehr wissenschaftliche Arbeit zu leisten, oder mehr Anerkennung in den Industrieländern zu finden (sog. Süd-Nord-Transfers). Wie auch in den Industrieländern ist das goldene Open Access-Modell (d.h. die Autoren zahlen) für die Entwicklungsländer als eine mögliche Lösung im Gespräch. Man muss dabei den meisten Open Access-Verlegern anerkennen, dass sie die Gebühren für Wissenschaftler aus armen Ländern oft senken oder ganz erlassen. Doch diese scheinbare Großzügigkeit kann dazu führen, lokale Open Access-Fachzeitschriften zu untergraben. Wie auch Zeitschriften in Industrieländern müssen diese die Kosten für Veröffentlichung, Redaktion und Peer Review tragen, können dies aber nicht durch verlässliche Einnahmen finanzieren, da sie nur wenige oder gar keine finanzstarken Autoren haben. Denn die stammen zum Großteil aus Entwicklungsländern. Die Fachzeitschriften können es sich nicht leisten, den Forschern die Gebühren zu erlassen, da sie somit einen wichtigen Teil ihres Einkommens verlieren würden. Somit sind sie gegenüber westlichen Konkurrenten im Nachteil und können im Kampf um qualitative hochwertige Wissenschaftler nicht mithalten.

Natürlich kann eine Fülle von Material zur freien Verfügung gestellt werden, wenn es Geldgeber ermöglichen. Doch Forscher aus Entwicklungsländern haben guten Grund, sich nicht zu sehr auf die Großzügigkeit westlicher Regierungen zu verlassen, könnten doch diese jederzeit den von ihren Steuerzahlern finanzierten freien Zugang wieder einschränken. Deshalb stellt sich die Frage, ob Regierungen der Entwicklungsländer nicht ihre eigenen Open Access-Richtlinien schaffen sollten. Das könnte freilich auf politischen Widerstand stoßen, denn vor allem die USA und Europa befürworten ein strenges Urheberrecht im Kampf gegen die Informationspiraterie.

In Anbetracht der Herausforderungen für Forscher aus Entwicklungsländern stellt sich die Frage, ob Open Access-Modelle die wissenschaftliche Arbeit tatsächlich erleichtern können. Die Antwort ist wohl ein “Ja”, jedoch mit Einschränkungen. Traditionelle Vorstellungen von wissenschaftlicher Arbeit und Veröffentlichung in den Entwicklungsländern müssen sich ändern. Hier sind einige Vorschläge, wie die Situation verbessert werden könnte:

1. Mehr und bessere Fachzeitschriften zu Themen des globalen Südens: Obwohl im Laufe der vergangenen Jahre die Anzahl der im Internet öffentlich zugänglichen Fachzeitschriften in Ländern wie Brasilien, Ägypten und Indien gestiegen ist, ist die internationale Anerkennung für diese Fachzeitschriften bisher ausgeblieben. Es ist wenig überraschend, dass die besten Wissenschaftler aus den Entwicklungsländern heute meist versuchen, ihre Arbeit in internationalen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Die führenden Universitäten und Forschungseinrichtungen der Entwicklungsländer sollten die in diesen Ländern veröffentlichten Fachzeitschriften unterstützen – finanziell und durch formelle und informelle Unterstützung der Wissenschaftler, deren Artikel in diesen Fachzeitschriften erscheinen.

2. Entwicklung einer “Süd-Elite”-Rangliste, die die Qualität der öffentlich zugänglichen Fachzeitschriften aus den Entwicklungsländern bewertet: Diese könnte die besten 10-20% der Fachzeitschriften aus den Entwicklungsländern umfassen oder aber alle Zeitschriften mit einem Schwerpunkt auf Entwicklungsländern. Die Verfügbarkeit eines solchen “Süd-Elite”-Indexes könnte existierende internationale Ranglisten dazu animieren, mehr Fachzeitschriften aus Entwicklungsländern aufzunehmen. Sie könnte zudem den führenden Wissenschaftlern der Entwicklungsländer ein Zeichen dafür geben, dass auch Veröffentlichungen in Fachzeitschriften aus dem globalen Süden erstrebenswert sind.

3. Forscher in den Entwicklungsländern sollten mehr auf die Forschungsarbeit achten, die von anderen Entwicklungsländern ausgeht: Im Moment versuchen sie noch immer zu oft, sich an den Wissensfeldern der Industrieländer zu orientieren. Die Forschungsleistungen der Entwicklungsländer werden sich nur dann verbessern und mehr Anerkennung finden, wenn ihre Forscher untereinander effektiver zusammenarbeiten.

4. Entwicklung neuer Finanzierungsmodelle, die die Informationsphilanthropie ersetzen können: Informationsphilanthropie verzerrt den Markt und ist oft kontraproduktiv. Sie sollte durch finanziell nachhaltige, auf den globalen Süden ausgerichtete und öffentlich zugängliche Fachzeitschriften ersetzt werden. Nur dann können Wissenschaftler in den Entwicklungsländern ihr volles Potential entfalten. Öffentlich zugängliche Zeitschriften haben die Welt der wissenschaftlichen Fachliteratur und die Verbreitung von Wissen bereits verändert, doch müssen noch weitere Schritte unternommen werden, damit mit Open Access-Modellen der weltweite Konsum und die Verbreitung von wissenschaftlicher Arbeit vollständig revolutioniert werden kann.

Eine ausführlichere Version dieses Artikel erschien ursprünglich im St Antony’s International Review (Ausgabe Mai 2012)

Jorge L Contreras ist Dozent an der Washington University School of Law. Momentan befasst er sich mit dem Schnittpunkt von Recht und Wissenschaft.

Weiterlesen:

Kommentieren Sie in einer Sprache Ihrer Wahl

Unsere Empfehlungen

Streichen Sie mit dem Finger nach links um alle Highlights zu sehen


Das Projekt „Debatte zur Meinungsfreiheit“ ist ein Forschungsprojekt des Dahrendorf Programme for the Study of Freedom am St Antony's College an der Universität von Oxford.

Die Universität von Oxford