Medienethik und der Prozess gegen Anders Behring Breivik

Die Aussage des Massenmörders Anders Behring Breivik sollte live im Fernsehen gezeigt werden, um so Extremisten abzuschrecken, sagt Anne Ardem von der norwegischen Rundfunkanstalt NRK.

Maryam Omidi: Das Verfahren gegen Anders Behring Breivik hat begonnen. Können Sie uns zuerst erklären, wie das staatliche norwegische Fernsehen NRK von dem Verfahren berichten wird?

Anne Ardem: In Norwegen wird ausführlich über das Verfahren berichtet. Der erste Verhandlungstag am Montag [16. April 2012] wurde live im Fernsehen übertragen. An diesem Tag ging es vor allem um die Formalien. Der Staatsanwalt erklärte, wie er vorgehen wuerde, und dies wurde von NRK live übertragen. Doch wir stellten den Ton für das norwegische Publikum ab, als die Wunden und Autopsien beschrieben wurden. Ich glaube jedoch nicht, dass dies auch in den anderen nordischen Ländern so gehandhabt wurde. Im Laufe des Verfahrens wird NRK weiter ausführlich berichten, u.a. tagsüber mit Live-Sendungen aus einem Studio direkt vor dem Gerichtsgebäude und Reportern im Gerichtsgebäude, die für Radio, Fernsehen und das Internet berichten.

MO: Stellt dies für Sie ein Problem dar? Wenn ein Sender entscheidet, etwas aus ethischen Gründen nicht zu senden, und ein anderer Sender es trotzdem sendet, im Zeitalter des Internets, untergräbt dies Ihre Entscheidung?

AA: In gewissem Sinne schon. Andererseits haben alle nordischen Länder die gleiche Entscheidung getroffen und unser Publikum sieht meist die Übertragung unseres Senders. Wer etwas im Internet finden will, wird dies immer schaffen. Deshalb, ja, es ist ein Problem. Aber kein großes. Heute ist der vierte Tag der Verhandlungen und wir dürfen den Killer nur filmen, wenn er den Verhandlungssaal betritt und sich setzt, und der Richter die Verhandlung eröffnet. Dann beenden wir die Übertragung aus dem Gerichtssaal und liefern stattdessen über das Internet eine fast wortwörtliche Live-Berichterstattung.

MO: Breiviks Aussage wird also nicht live übertragen?

AA: Der Richter lehnte dies ab, deshalb gibt es keine Live-Berichterstattung im Radio oder Fernsehen, sondern nur durch einen Moderator, der über das Internet ein Live-Transkript verbreitet.

MO: Wenn Sie Moderator sagen, meinen Sie damit, dass jemand zensiert?

AA: Ja, in gewissem Sinne schon, zum Beispiel um die Überlebenden zu schützen und nicht zu viele Details über die Wunden zu verbreiten. Und weil wir die Familien der Ermordeten schützen wollen, möchten wir nicht zu viele Details über die Autopsien verbreiten. Breiviks Aussage wurde jedoch ziemlich genau weitergegeben. Im Gerichtssaal sitzen neben NRK zahlreiche andere Zeitungsredakteure, die alles mitschreiben. Gerade in diesem Moment lese ich, dass er sagt, er habe seinen Waffen Namen aus der nordischen Ära gegeben, aus der Wikingerzeit. Reporter anderer norwegischer sowie ausländischer Medienanstalten tun dasselbe. Die Journalisten berichten live für Zeitungen. Unser Redakteur ist auch vor Ort, weil wir nicht alle Details senden wollen. Wie gesagt, wir zensieren hauptsächlich, um die Opfer zu schützen.

MO: Was passiert, wenn er seine ziemlich extremen Ansichten erklärt? Wie stehen Sie dazu?

AA: Diese Frage wurde in Norwegen breit diskutiert. Viele Medienanstalten in Norwegen, auch NRK, würden seine Aussage gerne live im Fernsehen und Internet zeigen, denn wir denken, dass es ziemlich widerliches Zeug ist, es jedoch wichtig ist, dass das Publikum es zu hören bekommt. Es ist auch extrem dämlich. Er widerspricht sich oft und hat Schwierigkeiten, seine Meinung zu erklären. Wir haben keine Angst davor, dies zu zeigen, doch das Gericht hat anders entschieden und will ihm keine Plattform bieten um seine Meinung zu verbreiten.

MO: Stimmen Sie denn der Entscheidung des Gerichtes nicht zu?

AA: Nein, nein, ich stimme ihr nicht zu. Ich habe mehr Angst davor, seine Aussagen zu verstecken. Ich halte es für wichtig, es ans Tageslicht zu bringen und nach außen zu tragen. Ich halte dies für eines der Probleme. Breivik und manche seiner Freunde haben im Internet miteinander gesprochen, sich verlassen gefühlt und gemeint, dass sie ihre Ansichten nicht offen diskutieren können. Sie haben es für nötig gehalten, sich zu verstecken, und das ist nicht gut. Ich halte dies für gefährlicher als Offenheit. Es wird immer Fanatiker geben, die seine Botschaft für die richtige halten, doch sie werden die Minderheit sein. Und weil es in dieser Verhandlung darum geht, ob er zurechnungsfähig ist oder nicht, glauben wir, dass es wichtig ist, dass sich die Öffentlichkeit selbst ein Bild machen kann.

MO: Sie denken also, seine Aussage wäre eher schlechte als gute Werbung für ähnliche rechtsextreme Ansichten?

AA: Zu einem großen Teil, ja, denn er präsentiert sich auf eine ziemlich miese Art und Weise. Er nennt sich einen Tempelritter und einen Freiheitskämpfer und all solchen Mist, und ich finde, dass es OK ist, wenn das jeder sieht. Er nimmt alles sehr genau und korrigiert die Ausdrucksweise des Richters immer wieder. Es ist sehr seltsam, wenn man dem Transkript folgt. Sehr seltsam.

MO: Trotzdem ist er nicht der Einzige, der diese Ansichten vertritt, und man kann Breivik nicht als Einzelfall behandeln. Er ist Teil eines Erstarkens der Rechtsextremen überall in Europa. Lässt sein Fall irgendwelche Schlüsse zu, warum Menschen an solch extremen Ideologien Gefallen finden?

AA: Definitiv. Das ist in Norwegen ein weiteres wichtiges Diskussionsthema. Gesellschaftswissenschaftler versuchen, mehr über rechtsextreme Ideologien und Gruppen herauszufinden. Viele Journalisten haben sich mit dem Rechtsextremismus beschäftigt und versucht, mehr über die Menschen herauszufinden, die diese Ansichten vertreten, wo sie diese Meinungen aufschnappen, wie sie zusammenarbeiten und sich austauschen. Breivik behauptet, es gebe in Norwegen drei Menschen, die bereit seien, ähnliche Massaker anzurichten wie er. Vielleicht lügt er, denn er widerspricht sich immer wieder und kann nicht kohärent erklären, was er getan hat. Gestern sagte er im Gerichtssaal 144 mal “Ich will keine Antwort geben” und “Kein Kommentar”. Ich kann die Angst, ihm eine Bühne für seine Meinung zu bieten, nachvollziehen, doch er vertritt seine Meinung auf eine Art und Weise, die die meisten Menschen für widerwärtig halten.

MO: Im vergangenen Monat tötete Mohamed Merah in Frankreich sieben Menschen. Als sich herausstellte, dass er extremistische Internetseiten besucht hatte, gab Nicholas Sarkozy seine Absicht bekannt, ein Gesetz zu erlassen, das den Besuch solcher Seiten kriminalisieren würde. Breivik rief immer wieder extremistische Internetseiten auf, doch Norwegen hat nicht die Absicht, dies zu kriminalisieren. Was halten sie davon, Internetnutzer auf diese Art und Weise zu beobachten?

AA: Ich glaube nicht, dass dies möglich ist. Kann man das Internet auf diese Weise überwachen? Die Nutzer werden immer Wege finden, um solche Maßnahmen zu umgehen. Das ist meine Meinung, obwohl ich keine Expertin bin. In Norwegen wird dies gar nicht erst diskutiert. Doch es gibt viele Unterschiede zwischen Norwegen und Frankreich. Wir diskutieren, wie wichtig es ist, diese extremistischen Diskussionsgruppen im Internet nicht zu vernachlässigen, und wie gefährlich es ist, ihre Diskussionen zu ignorieren und nicht gegen sie zu argumentieren. Jeder hat die Verantwortung, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen.

MO: Lassen Sie uns ein Jahr zurückblicken, auf die Reaktion der Medien auf die Morde und die Herausforderungen, die sich Ihnen bei der Berichterstattung über diese Tragödie stellten. Wie reagierten die Freunde und Familien der Opfer?

AA: Als erstes explodierte die Bombe, und die Medien spekulierten überstürzt, dass ein radikaler Muslim dafür verantwortlich sei. Danach gab es einige Fälle von Einschüchterung und Belästigung von Menschen anderer ethnischer Abstammung. Einige Stunden nach dem Massaker von Utøya stellte sich dann heraus, dass ein Norweger aus Oslo für die Anschläge verantwortlich war. Ich denke, dass dies für die norwegische Gesellschaft ein extremer Schock war; wir dachten immer, dass so etwas in Norwegen nicht passiere, sonder nur anderswo. Das Medienecho war gewaltig. Wir hatten einige Probleme mit Journalisten auf der Insel, die Szenen zeigten, die sie wahrscheinlich nicht hätten zeigen sollen. Doch dies passierte, weil wir nie zuvor etwas ähnliches zu berichten hatten. Viele Menschen standen unter Schock. Doch abgesehen davon würde ich sagen, dass unsere Berichterstattung akzeptabel und gut war, und die ethischen Standards einhielt.

Kurz darauf sagte unser Premierminister, unsere Antwort auf das Massaker sollte mehr Offenheit und mehr Demokratie sein. Er fügte hinzu, wir sollten unsere Gesellschaft wegen dieser Tragödie nicht verändern. Und die Mitglieder der Jugenddivision der Arbeiterpartei akzeptierten diesen Weg sehr schnell. Es hätte aber auch leicht anders ausgehen können. Eine junge Frau, die eine ihrer besten Freundinnen verloren hatte, sagte auf Twitter, wenn ein Mann mit Hass so viel Zerstörung anrichten könne, wie viel mehr könnten dann wir alle mit Liebe erreichen. Diese Botschaft verbreitete sich auf der ganzen Welt. Sie war vielleicht naiv, doch sie fand viel Anklang. Die Menschen versammelten sich auch in den Kirchen und vor dem Rathaus in Oslo. Etwa eine Million Norweger gingen im ganzen Land auf die Strasse. Dies alles war das Ergebnis guter politischer Führung, doch Norwegen hat eben auch eine sehr stabile Gesellschaft. Wir haben keine großen ökonomischen Probleme und die Integration in Norwegen ist verglichen mit vielen anderen Ländern recht erfolgreich. Und unser Land ist sehr friedlich. Ich weiß nicht, ob die gleiche Botschaft aus dem Mund von Sarkozy in Frankreich mit seiner Geschichte genauso gewirkt hätte.

MO: In seiner Aussage sprach sich Breivik gegen den Multikulturalismus aus. Haben die Morde den Glauben daran erschüttert, dass Multikulturalismus erfolgreich sein kann?

AA: Es gibt in Norwegen viele, die der Zuwanderung skeptisch gegenüber stehen. Doch dieses Gefühl ist weniger stark als in anderen europäischen Ländern. Diese Menschen sind etwas lauter geworden, doch vielleicht geht es bei Breiviks Fall nicht nur um die Zuwanderung sondern auch um sein Gefühl der Vernachlässigung und Isolation. Und Zuwanderer waren ein einfaches Ziel, ein einfacher “Grund”. Er tötete ja Menschen verschiedenster ethnischer Abstammung auf Utøya. Daher gab es danach das Gefühl “Dies geht uns alle etwas an”. Viele Menschen haben seither gesagt, dass sie sich nie so norwegisch gefühlt haben wie in diesen Tagen, denn wir alle standen zusammen ihm alleine gegenüber. Unsere Gesellschaft wird weitermachen. Sie ist nicht perfekt, aber sie wird weitermachen. Es wird immer Menschen geben, die sich vor Anderen fürchten, doch ich glaube fest daran, dass die Ereignisse des 22. Juli für den Rassismus in Norwegen ein Rückschlag waren.

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Das Projekt „Debatte zur Meinungsfreiheit“ ist ein Forschungsprojekt des Dahrendorf Programme for the Study of Freedom am St Antony's College an der Universität von Oxford.

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