Die Übertragung eines Massakers

Im März 2012 filmte sich der selbsternannte Glaubenskrieger Mohammed Merah dabei, wie er in Frankreich sieben Menschen ermordete. Al-Jazeera entschied sich, das Video nicht auszustrahlen, schreibt Jeff Howard.

Zwischen dem 11. und 19. März 2012 tötete Mohammed Merah, ein Franzose algerischer Abstammung, der sich selbst als Glaubenskrieger bezeichnete, sieben Menschen und verletzte fünf weitere, als er eine Serie von Angriffen auf französische Soldaten und jüdische Schüler in Montauban und Toulouse verübte. Merah gab an, den Tod palästinensischer Kinder rächen und gegen Frankreichs Beteiligung an Kriegen gegen Muslime protestieren zu wollen. Am 22. März erschoss ihn die französische Polizei nachdem er sich viele Stunden lang in seiner Wohnung verschanzt hatte. Merah behauptete, im Auftrag al-Qaidas gehandelt zu haben, jedoch ist noch immer unklar, ob er jemals in direkter Verbindung mit der Terrororganisation gestanden hatte. Ein pakistanischer Ableger der Taliban gab vor kurzem an, ihn ausgebildet zu haben.

Kurz nach den Angriffen erhielt der arabische Sender Al-Jazeera eine Videoaufzeichnung der Morde, die Merah selbst gefilmt hatte indem er sich während der Angriffe eine Kamera um die Brust schnallte. Der Film war mit Versen aus dem Koran und religiöser Musik hinterlegt. Familienmitglieder der Opfer baten Al-Jazeera, das Video nicht zu zeigen, und der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy wiederholte diese Bitte, als er öffentlich sagte: “Ich bitte die Verantwortlichen aller Fernsehsender, die im Besitz dieser Bilder sind, sie aus Respekt vor den Opfern und aus Respekt vor der [französischen] Republik nicht auszustrahlen.” Al-Jazeera berief sich auf seine eigenen ethischen Richtlinien und entschied, das Video nicht auszustrahlen, da es keine neuen Informationen enthalte, sondern nur aus Schüssen, Schreien und der Stimme des Mörders und seiner Opfer bestehe. Al-Jazeeras ethische Richtlinien besagen, dass sich der Sender dazu verpflichtet, “alle unsere Zuschauer mit angemessenem Respekt zu behandeln und jedes Ereignis mit der angemessenen Aufmerksamkeit zu behandeln, um eine klare, den Fakten entsprechende und korrekte Berichterstattung zu gewähren, die jedoch auch die Gefühle der Opfer von Kriminalität, Krieg, Verfolgung und Unglück beachtet, sowie die Gefühle ihrer Familien und unserer Zuschauer. Ebenso bemühen wir uns, die Privatsphäre Einzelner zu respektieren und dem öffentlichen Anstand zu entsprechen.”

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Das Projekt „Debatte zur Meinungsfreiheit“ ist ein Forschungsprojekt des Dahrendorf Programme for the Study of Freedom am St Antony's College an der Universität von Oxford.

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