Die rassistischen Tweets eines Studenten

Liam Stacey, ein 21-jähriger Student, wurde zu 56 Tagen Haft verurteilt, weil er rassistische Kommentare auf Twitter veröffentlicht hatte, schreibt Maryam Omidi.

Der Fall

Im März 2012 wurde der britische Student Liam Stacey zu 56 Tagen Haft verurteilt, weil er rassistische Beleidigungen auf Twitter gepostet hatte. Diese richteten sich gegen den Fußballspieler Fabrice Muamba, der für die englische Mannschaft Bolton Wanderers spielt, und der während einer Premier League-Partie nach einem Herzstillstand zusammengebrochen war. Viele Twitter-Nutzer kritisierten Stacey sofort für die rassistischen Aussagen in seinen Kommentaren, worauf er mit acht weiteren “beleidigenden und ausfälligen” Tweets reagierte.

Als Stacey’s Kommentare immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen, gab der 21-Jährige an, Unbekannten seien in sein Benutzerkonto eingedrungen. Er versuchte außerdem, sein Konto zu löschen. Als er von der Polizei zu dem Vorfall befragt wurde, sagte er aus, er sei zur Tatzeit betrunken gewesen. Laut dem Blog der Staatsanwaltschaft (Crown Prosecution Service) wurde Stacey der rassistisch motivierten (und damit schweren) Verletzung von Abschnitt 4A des Gesetzes zur öffentlichen Ordnung aus dem Jahr 1986 angeklagt. Dieses Gesetz sieht vor, dass solche Vergehen rassistisch motiviert sind, die dem Opfer “absichtlich Belästigung, Beängstigung oder Leid” zufügen.

Das Urteil löste in den Medien und sozialen Netzwerken Diskussionen aus. Viele unterstützten das Urteil des Gerichts und die Absicht, an Stacey ein Exempel zu statuieren. Andere jedoch fanden die Strafe übertrieben. Thomas Hammarberg, der frühere Menschenrechtskommissar des Europarates, kritisierte das Urteil als nicht angemessen: “Politiker wissen einfach nicht, wie sie die Internetfreiheit schützen sollen, wenn es gleichzeitig Gesetze gegen Probleme wie Hassrede und Kinderpornographie gibt.”

Meinung des Autors

Obwohl ich Rassismus völlig inakzeptabel finde, und glaube, dass die Tweets zeigen, dass Stacey ein eher fehlgeleiteter Mensch ist, erscheint mir die Begründung des Urteils etwas unklar. Die Tweets mögen zwar andere Twitter-Benutzer angewidert haben, doch ich bezweifle ob irgendwer “Belästigung, Beängstigung oder Leid” empfand. Es stellt sich auch die Frage, wie Stacey die öffentliche Ordnung gefährdet haben soll.

Mir scheint, dass es zwei Gründe für die hohe Strafe gibt. Erstens hat Hammarberg Recht damit, dass die Behörden immer noch versuchen, herauszufinden wie das nun ist mit der virtuellen und der echten Welt. Doch der zweite, vielleicht wichtigere Grund ist der scharfe Kontrast zwischen dem 23-jährigen Fußballspieler, der um sein Leben kämpft, und dem etwa gleichaltrigen Studenten, der diesen Moment missbraucht, um rassistische und beleidigende Kommentare zu veröffentlichen. Muambas Zusammenbruch erregte in der Öffentlichkeit viel Mitleid, und Stacey’s Tweets erregten in etwa dem gleichen Maß Abscheu. Man kann sich kaum davon abhalten, zu denken, dass die Entscheidung des Richters auch etwas mit der öffentlichen Wirkung des Vorfalls zu tun hatte.

- Maryam Omidi

Weiterlesen:

Kommentieren Sie in einer Sprache Ihrer Wahl

Unsere Empfehlungen

Streichen Sie mit dem Finger nach links um alle Highlights zu sehen


Das Projekt „Debatte zur Meinungsfreiheit“ ist ein Forschungsprojekt des Dahrendorf Programme for the Study of Freedom am St Antony's College an der Universität von Oxford.

Die Universität von Oxford